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Häuser eines nepalesischen Dorfes vor denen ein Radfahrer fährt

Die Krankheit, über die niemand spricht – und der Mut einer Familie

Als der älteste Sohn von Sitaram* mit einer nässenden Wunde zur Gesundheitsstation seines Dorfes geht, vermutet die Familie zunächst eine harmlose Infektion. Doch die Diagnose ist unerwartet – und für viele Menschen im Dorf noch immer ein Tabu: Lepra.

Kurz darauf stehen Gesundheitsmitarbeitende vor Sitarams Haustür. Sie möchten auch die übrigen Familienmitglieder untersuchen. Doch die Familie zögert.

Zu groß ist die Angst vor Gerede. Vor Ausgrenzung. Vor dem Verlust der sozialen Anerkennung.

Ein nepalesischer Mann schaut nachdenklich in die Kamera

Wir wollten nicht, dass jemand im Dorf davon erfährt. Lepra – das ist für viele etwas, worüber man nicht spricht.

Sitaram, Landwirt in Westnepal

Lepra in Nepal: heilbar, aber häufig verborgen

Lepra ist heute gut behandelbar. Trotzdem lebt die Krankheit in Nepal vielerorts im Verborgenen weiter. Das liegt nicht nur an fehlenden medizinischen Strukturen in ländlichen Regionen, sondern auch an tief verwurzelten Vorurteilen.

Die Krankheit wird nicht durch eine kurze Berührung übertragen. Eine Ansteckung erfolgt nur durch langanhaltenden engen Kontakt. Viele Menschen sind zudem immun. Doch die Angst bleibt.

Betroffene verbergen sichtbare Symptome häufig aus Scham oder aus Sorge, von ihrer Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden. Dadurch wird Lepra teilweise erst spät erkannt. Dann kann die Krankheit bereits Nerven geschädigt haben und zu dauerhaften Beeinträchtigungen führen.

Nach 2010, als Nepal Lepra für „ausgerottet“ erklärte, wurden staatliche Programme zurückgefahren. Besonders in abgelegenen Regionen hat das weitreichende Folgen: Erkrankungen bleiben lange unentdeckt, wenn keine medizinischen Teams in die Dörfer kommen.

Sitaram und seinem Sohn konnte dank rechtzeitiger Behandlung geholfen werden
 

International Nepal Fellowship

Warum eine frühe Leprabehandlung so wichtig ist

Je früher Lepra erkannt wird, desto besser lässt sich ihr Fortschreiten aufhalten. Eine rechtzeitige Behandlung schützt nicht nur die erkrankte Person vor bleibenden Schäden. Sie hilft auch, weitere Übertragungen zu verhindern.

Für Familien wie die von Sitaram steht dabei viel auf dem Spiel. Sie leben von der Landwirtschaft. Wird ein Familienmitglied schwer krank oder entwickelt eine Behinderung, kann das unmittelbar die Lebensgrundlage der gesamten Familie gefährden.

Trotzdem war die Angst vor der Diagnose zunächst größer als das Vertrauen in die angebotene Hilfe.

Ein medizinisches Team gewinnt das Vertrauen der Familie

Erst als Mitarbeitende der International Nepal Fellowship, kurz INF, erneut zur Familie kommen, beginnt sich etwas zu verändern. INF ist die lokale Partnerorganisation von humedica in Nepal.

Das Team nimmt sich Zeit. Die Mitarbeitenden erklären einfühlsam, wie Lepra entsteht, wie sie behandelt wird und dass Erkrankte bereits kurz nach der ersten Medikamentendosis nicht mehr ansteckend sind. Es geht nicht allein um medizinisches Wissen. Es geht darum, Angst abzubauen und Vertrauen entstehen zu lassen.

„Sie haben uns Mut gemacht“, sagt Sitaram.

Schließlich stimmen fünf Familienmitglieder einer Untersuchung zu. Alle erhalten eine angemessene Behandlung, Medikamente und regelmäßige Nachsorge. Für die Familie ist das eine große Erleichterung.

Viele Familien leben in Westnepal von der Landwirtschaft, Krankheit gefährdet sofort ihre Existenz

International Nepal Fellowship

Wir nehmen unsere Medikamente regelmäßig ein, und es geht uns jetzt gut. Dass die Ärzte zu uns kamen, fühlte sich wie ein Segen Gottes an. 

Sitaram und seine Familie

Medizinische Hilfe ist in Westnepal schwer erreichbar

Sitarams Dorf liegt in der Nähe der indischen Grenze. Viele junge Männer aus der Region gehen für mehrere Monate ins Nachbarland, um dort Arbeit zu finden. Häufig leben und arbeiten sie unter prekären Bedingungen.

Treten eine Infektion oder erste Krankheitssymptome auf, fehlt es vielfach an einer schnellen Diagnose und Behandlung.

Das liegt nicht daran, dass die Menschen keine Hilfe suchen möchten. Viele Gesundheitsstationen sind unterbesetzt. Es fehlt an Fachwissen und Krankenversicherungen. Für Familien mit geringem Einkommen ist bereits der Weg zu einem Krankenhaus kaum zu finanzieren.

Hari Prasad Pashi, Bezirksvorsitzender in der Region, kennt die Folgen:

„Viele Menschen verwechseln Lepra mit gewöhnlichen Hautausschlägen. Und selbst wenn sie etwas ahnen, können sie sich den Weg zur Untersuchung oft nicht leisten.“

Für Menschen mit Behinderungen ist der Zugang zu medizinischer Versorgung besonders schwierig. Lange Wege, fehlende Transportmöglichkeiten und unzureichend ausgestattete Gesundheitseinrichtungen werden für sie zu zusätzlichen Barrieren.

Für Menschen mit Behinderung ist der Zugang zu medizinischer Versorgung besonders schwer

DCD

Wie humedica in Westnepal hilft

Gemeinsam mit INF arbeitet humedica in den Distrikten Bardiya und Kailali daran, diese Barrieren zu überwinden. Das Projekt setzt dort an, wo staatliche Angebote fehlen und die Stigmatisierung besonders stark ist.

  • Lepra frühzeitig erkennen: In abgelegenen Gesundheitsposten finden Diagnose-Untersuchungen statt. Gemeinsam mit staatlichen Gesundheitsmitarbeitenden untersuchen die Teams Menschen aus den umliegenden Dörfern. So kann Lepra früher erkannt und behandelt werden.
  • Gesundheitsfachkräfte schulen: Gezielte Fortbildungen vermitteln Fachwissen zur Diagnose und Behandlung von Lepra. Das hilft nicht nur einzelnen Patientinnen und Patienten, sondern stärkt langfristig auch das staatliche Gesundheitssystem.
  • Vorurteile und Stigmatisierung abbauen: Informations- und Sensibilisierungsangebote erklären, wie Lepra übertragen und behandelt wird. Sie schaffen Vertrauen und helfen dabei, jahrhundertealte Vorurteile zu überwinden.
  • Menschen mit Behinderungen stärken: Selbsthilfegruppen erhalten Unterstützung und werden mit lokalen Behörden vernetzt. Menschen mit Behinderungen lernen, ihre Rechte wahrzunehmen und ihre Anliegen gegenüber verantwortlichen Stellen einzubringen.
  • Gemeinden auf Katastrophen vorbereiten: Überschwemmungen und andere Naturereignisse können den Zugang zu medizinischer Hilfe zusätzlich erschweren. Deshalb werden die Gemeinden auf solche Situationen vorbereitet – mit besonderem Blick auf Menschen, die aufgrund einer Behinderung schneller von der Versorgung abgeschnitten werden können.

Neue Hoffnung für Sitarams Familie – und für das Dorf

Durch die Behandlung geht es Sitaram und seiner Familie inzwischen deutlich besser. Doch er weiß, dass andere Menschen in seinem Dorf noch immer Angst davor haben, ihre Symptome zu zeigen.

Seine eigene Erfahrung hat seinen Blick verändert. Aus der Sorge, jemand könne von der Krankheit erfahren, ist der Wunsch geworden, dass alle Betroffenen rechtzeitig Hilfe erhalten.

Wenn alle Menschen hier untersucht und behandelt würden, könnte man die Ausbreitung von Lepra stoppen.

Sitaram, bekam eine Lepra-Behandlung

Sitarams Geschichte zeigt, was ein einziger Besuch bewirken kann. Ein medizinisches Team erreicht eine Familie, die aus Angst zunächst keine Hilfe annehmen möchte. Aufklärung schafft Vertrauen. Eine Behandlung beginnt. Hoffnung wächst.

Und vielleicht verändert sich dadurch mehr als das Leben einer Familie.

* Name geändert

Lepra in Nepal: Die wichtigsten Fragen und Antworten

Ist Lepra heilbar?

Ja. Lepra ist heute gut behandelbar. Eine frühzeitige Diagnose und die regelmäßige Einnahme der Medikamente können das Fortschreiten der Krankheit stoppen und schwere Folgeschäden verhindern.

Wie wird Lepra übertragen?

Lepra wird nicht durch eine kurze Berührung übertragen. Eine Ansteckung ist nur bei langanhaltendem engem Kontakt möglich. Viele Menschen sind zudem von Natur aus immun.

Warum wird Lepra in Nepal häufig spät erkannt?

In abgelegenen Regionen fehlen teilweise gut ausgestattete Gesundheitsstationen, geschulte Fachkräfte und bezahlbare Transportmöglichkeiten. Zudem verbergen viele Betroffene ihre Symptome aus Angst vor Ausgrenzung.

Welche Folgen kann eine unbehandelte Lepraerkrankung haben?

Wird die Krankheit spät erkannt, können bleibende Nervenschäden und Behinderungen entstehen. Deshalb sind eine frühe Untersuchung und Behandlung besonders wichtig.

Warum haben Betroffene Angst vor einer Untersuchung?

Lepra ist noch immer mit starken Vorurteilen verbunden. Erkrankte fürchten, dass ihre Diagnose bekannt wird und sie ihre gesellschaftliche Anerkennung verlieren oder aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden.