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Familie in Madagaskar vor ihrem Haus
Fairpicture / iAko Randrianarivelo

„Unser Hauptnahrungsmittel ist Maniok“, erzählt Rindra*. „Er ernährt uns morgens, mittags und abends.“ Maniok ist ein strauchartiges Gewächs, das vor allem in tropischen Gefilden vorkommt. Die Wurzeln sind in Rohform giftig, gekocht und richtig zubereitet, aber essbar. Sie schmecken leicht süßlich, ähnlich einer Süßkartoffel. Auch die Blätter werden gerne gekocht und gegessen. Was Maniok für Rindra und viele andere Menschen weltweit so interessant macht: Die Pflanze ist äußerst robust. Temperaturen unter 18 Grad verträgt sie nicht, kommt deshalb in Deutschland so gut wie gar nicht vor. Dafür ist sie in warmen Regionen äußerst beliebt, da sie auch trockene Böden und länger anhaltende Dürre aushält. Für rund eine Milliarde Menschen auf der Welt stellt Maniok die Hauptnahrungsquelle dar. Die Pflanze ist als Lebensmittel rund um den Globus wichtiger als die Kartoffel.

 

Hungersnot trotz reicher Flora

Rindra lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern im Süden Madagaskars. Die Insel ist für ihre üppige Tier- und Pflanzenwelt und den Export von Vanille bekannt – im Süden herrscht jedoch eine Hungersnot. In Teilen der Region hat es seit Jahren nicht mehr geregnet. Da kommt selbst Maniok an seine Grenzen. Ernten fallen deutlich kleiner oder gar ganz aus. Dabei sind die Menschen hier darauf angewiesen, was sie anbauen. Auch Rindra und ihr Mann sind als Selbstversorger von der Landwirtschaft abhängig.

Fairpicture / iAko Randrianarivelo

Als Gesundheitshelfer von humedicas Partnerorganisation SEED Madagaskar in das Dorf kommen, in dem Rindra und ihre Familie leben, untersuchen sie auch ihre Kinder. Sie waren schwach und oft krank. „Das kam vor allem durch die einseitige Ernährung,“ erklärt Rindra. Um Geld für den Lebensunterhalt ihrer Familie zu verdienen, knüpft sie Matten aus Palmblättern. Doch das Geld, das sie durch deren Verkauf verdient, reicht hinten und vorne nicht – schon gar nicht, um Lebensmittel für eine ausgewogene Ernährung der Kinder einzukaufen. „Wann immer es geht, gebe ich den Kindern Obst. Ich habe sogar Mandarinenbäume gepflanzt,“ erzählt sie. Doch um die Widerstandskräfte der Kinder zu stärken, reicht das allein nicht aus.

„Wir müssen erstmal dafür sorgen, dass die Kinder wieder ausreichend Nährstoffe aufnehmen und ihre Körper widerstandsfähiger werden,“ berichtet Natalie. Sie ist Leiterin einer Gesundheitsstation in der Region, die dank der Unterstützung durch humedica regelmäßig unterernährte Kinder untersucht und behandelt. „Dabei beziehen wir bewusst die gesamte Familie mit ein.“ Die Kinder erhalten eine spezielle Erdnussnahrung mit vielen Nährstoffen und Kalorien und werden in regelmäßigen Abständen ambulant überwacht. Eine Behandlung dauert in der Regel etwa zwei Monate.

Unterernährte Kinder erhalten eine spezielle Erdnusspaste mit besonders vielen Kalorien

SEED

Und auch die Familien bekommen während dieser Zeit Lebensmittelrationen. „Diese nährstoffreichen Grundnahrungsmittel, beispielsweise Reis oder lokales Gemüse, sollen die vorhandenen Lebensmittel der Familien ergänzen. Auch die Erwachsenen leiden Hunger. Würden wir ihnen nichts geben, würden sich die Familien die Spezialnahrung für die Kinder teilen und für die Kleinen bliebe nicht genügend übrig,“ weiß Natalie aus Erfahrung. Ihr ist aber wichtig: „Die Lebensmittel, die wir an die Familien verteilen, sollen die Ernährung der Familien immer nur ergänzen. Sie dürfen niemals abhängig davon werden. Ziel ist es, dass die Familien nach unserer Betreuung in der Lage sind, sich selbstständig zu versorgen.

Langfristige Folgen bekämpfen

„Die Folgen von Hunger können für Kinder fatal sein“, weiß Natalie. „Kurzfristig sind sie schwach und anfälliger für Krankheiten, so wie die Kinder von Rindra,“ erklärt sie und ergänzt: „Langfristig führt stetiger Hunger bei Kindern zu erheblichen Entwicklungsverzögerungen und einer Einschränkung von kognitiven Fähigkeiten.“ Die Folge: Wer seine gesamte Kindheit über Hunger leidet, ist im Erwachsenenalter oft weniger produktiv und hat Schwierigkeiten, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ein Teufelskreis, der auch die Kinder der Betroffenen oft in Armut aufwachsen lässt.

Mit sogenannten MUAC-Bändern wird der Armumfang von Kindern gemessen, um herauszufinden, ob sie unternährt sind. 

Fairpicture / iAko Randrianarivelo

Dass es nicht so weit kommen muss, dafür will Natalie sorgen. Ihr Team besucht regelmäßig die Dörfer in der Region. „In den Zeiten, in denen es ganz besonders trocken ist und die Felder nichts hergeben, versuchen viele Familien durchzukommen, indem sie nur eine Mahlzeit pro Tag zu sich nehmen. Das reicht natürlich nicht,“ erklärt Natalie. Sie kennt noch einen weiteren Faktor, der Unterernährung verstärkt: „In der trockenen Zeit ist oft kein sauberes Trinkwasser verfügbar. Hier in der Gegend sehen aber viele Menschen das Meerwasser. Für sie ist es erstmal naheliegend, damit zu kochen. Das führt allerdings dazu, dass sie Durchfall bekommen. Für Kinder ist das fatal.“

Lösungen für Familien im Fokus

Für Natalie und ihre Kolleginnen und Kollegen ist klar: Dürre, Armut und Hunger hängen unmittelbar miteinander zusammen. Deshalb versuchen humedica und SEED gemeinsam, die Situation der Menschen im Süden Madagaskars langfristig zu verbessern. Für sie stehen nicht nur die Kinder, sondern die ganzen Familien im Fokus. „Wir beraten die Familien, wie sie trotz der geringen Möglichkeiten, die sie haben, eine ausgewogene, nahrhafte Ernährung für sich und ihre Kinder gewährleisten können“, erläutert Natalie. „Außerdem muss ihre Selbstversorgerlandwirtschaft wieder genug abwerfen.”

Davon träumt auch Rindra. Gern würde sie Reis anbauen. Doch die Ausrüstung dafür kann sie sich nicht leisten. „Ich bräuchte Pflüge und Zebus, die sie ziehen,“ sagt sie. Wann immer sie kann, experimentiert sie mit dem Anbau neuer Pflanzen. „Die Mandarinenbäume sollen meinen Kindern eine Zukunft bieten“, strahlt sie. Den dreien geht es jetzt wieder besser. Eines der Kinder kann sogar in die Schule gehen. Rindra tut alles dafür, dass sie eine bessere Zukunft haben als sie. Die Unterstützung durch SEED und humedica hat einen wichtigen Grundstein gelegt. Möglich machen das Spenden aus Deutschland.

Wie erkennt man Unterernährung bei Kindern?

Messung des mittleren Oberarmumfangs mit einem sogenannten MUAC-Band:

Die Abkürzung MUAC steht für „Mid-Upper Arm Circumference“. Es handelt sich um kleine Maßbänder, mit denen der Umfang des Oberarms eines Kindes gemessen wird. Das MUAC-Band hat einen grünen, einen gelben und einen roten Bereich. Diese bilden den jeweiligen Ernährungszustand des Kindes ab: Grüner Bereich (21 bis 12,5 cm): ausreichend ernährt. Gelber Bereich (12,5 bis 11 cm): moderate Unterernährung. Roter Bereich (unter 11cm): akute Mangelernährung

Fairpicture / iAko Randrianarivelo

Gewicht

Durch das Wiegen des Kindes und den Vergleich des Gewichts mit Durchschnittswerten anderer Kinder im selben Alter kann das Personal feststellen, ob das Kind untergewichtig ist.

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Verhältnis Größe zu Alter:

Die Mitarbeiter des Gesundheitszentrums setzen die Größe eines Kindes ins Verhältnis zu seinem Alter. Eine niedrige Körpergröße kann auf langfristige Mangelernährung oder wiederholte Krankheiten hinweisen.

Verhältnis Gewicht zu Größe:

Bei dieser Methode wird das Gewicht des Kindes im Verhältnis zu seiner Größe bewertet. Ein niedriges Gewicht im Verhältnis zur Körpergröße deutet auf eine Auszehrung hin, d. h., das Kind hat aufgrund einer unzureichenden Nahrungsaufnahme oder einer Krankheit schnell an Gewicht verloren. Es ist also unterernährt.