Maryam und die anderen Frauen lernen, wie sie mit imkern eine bessere Perspektive für ihre Familien schaffen.
Eine dieser Frauen ist Maryam*. Die 21-Jährige lebt mit ihren drei Kindern in einer abgelegenen Region – vier Stunden von der nächsten Stadt entfernt. Ihr Mann arbeitete früher im öffentlichen Dienst. Doch irgendwann zahlte der Staat nicht mehr. Einen neuen Job fand er nur weit entfernt in einer anderen Region. Mitkommen konnte sich Maryam nicht leisten, und so blieb sie und muss seitdem einen erheblichen Teil des Lebensunterhalts für sich und die Kinder selbst erwirtschaften.
Die Menschen im Jemen müssen sich vor allem auf dem Land mit einfachen Mitteln behelfen.
Der Jemen gilt als das ärmste Land der arabischen Halbinsel. Die Wirtschaft liegt am Boden. Arbeitsplätze sind im ganzen Land rar. Auf dem Land ist es besonders schlimm. Über 80 Prozent der Jemeniten leben in Armut, der größte Teil davon in ländlichen Gebieten.
„Grund für die desolate wirtschaftliche Lage sind neben dem Krieg vor allem die geografischen Gegebenheiten“, berichtet Paula Weik. Sie ist als Projektmanagerin bei humedica zuständig für den Jemen und weiß: „Es gibt zu wenig Wasser und wenig Flächen, auf denen etwas angebaut werden kann. Gleichzeitig bedrohen lange Dürrezeiten und Krieg die Ernte von Hirse, Sorghum, Mais oder Gemüse.” Der Jemen ist auf den Import von Lebensmitteln angewiesen. Deren Preise steigen stetig. Ein Großteil der Bevölkerung kann sich den Kauf von Lebensmitteln deshalb nicht leisten, so auch Maryam.
Rund 38 Prozent der Jemeniten leiden Hunger. „Der Anteil hungernder Menschen ist damit im Jemen so hoch wie in kaum einem anderen Land“, ordnet Weik ein. Maryam wollte gegensteuern und den Hunger für sich und ihre Kinder vermeiden. „Ich möchte mehr Abwechslung auf den Tisch bringen und meine Kinder zur Schule schicken können“, erzählt sie. „Bald sind sie alt genug dafür. Sie sollen eine bessere Zukunft haben.“
Das Haus von Maryam
Deshalb überlegte sie, was sie tun könnte, und stieß auf ein Angebot, das dank Spendengeldern aus Deutschland von humedica mitfinanziert wird. Gemeinsam mit anderen Frauen lernte Maryam zu imkern und erhielt im Anschluss die notwendige Ausrüstung – und vier Bienenstöcke. Diese stehen jetzt unter Bäumen in unmittelbarer Nähe zu ihrem Haus. „Ich verkaufe Honig und andere Bienenprodukte“, berichtet Maryam. Dadurch erwirtschaftet sie ausreichend Geld, um Lebensmittel für ihre Familie zu kaufen. „Was übrigbleibt, will ich in weitere Bienenstöcke investieren und damit langfristig dafür sorgen, dass meine Familie ein Einkommen hat, von dem wir leben und die Behandlungen für meinen Sohn bezahlen können, der eine Behinderung hat“, erklärt sie.
Maryams Bienenstöcke
„Die Situation von Frauen im Jemen ist komplex“, weiß humedica-Projektmanagerin Paula Weik: „Einerseits kommt Frauen eine maßgebliche Rolle in der Gesellschaft zu, auch vor dem Hintergrund des Krieges. Andererseits sind sie in der sehr traditionellen patriarchalischen Gesellschaft zum Teil erheblich in ihren Rechten und ihrer Mobilität eingeschränkt. Sie brauchen die Zustimmung ihres Mannes, um zu arbeiten und müssen von einem männlichen Familienmitglied begleitet werden, um zu reisen oder sogar aus dem Haus zu gehen.“ Viele Mädchen brechen die Schule früh ab. Es gibt kein Geld, um in die Bildung von Mädchen zu investieren oder sie werden viel zu früh verheiratet. Das begrenzt ihre Möglichkeiten, sich aus Abhängigkeiten zu befreien oder eigenes Geld zu verdienen.
Eine andere Frau, die sich ihre Möglichkeiten erkämpfen muss, ist Samira*. Nach der Scheidung von ihrem Mann ist die 37-Jährige allein für den Lebensunterhalt für sich und ihre drei Kinder verantwortlich. Diese sind zwischen zwei und sieben Jahren alt. Auch ihre Eltern muss sie ernähren, da ihr Vater aufgrund einer körperlichen Behinderung nicht arbeiten und Geld verdienen kann. „Ein soziales Netz, das in solchen Fällen wie in Deutschland die Grundbedürfnisse abfedert, gibt es im Jemen nicht“, erklärt Weik die Situation. Zu sechst lebt Samira mit ihrer Familie in einem einzigen Raum mit Außenbad. Auch gekocht werden muss draußen.
Lange Zeit hat Samira Brennholz gesammelt und verkauft. Die Arbeit war hart – der Weg in die Wälder weit. Die Erlöse aus dem Verkauf erlaubten es ihr, ihre Familie zu ernähren. „Wenn es gut lief, konnte ich sogar noch etwas zur Seite legen“, berichtet sie stolz und ergänzt: „Irgendwann reichte es, um eigenes Vieh zu kaufen.“ Dieses erleichterte die Situation der Familie erheblich. Samira verkaufte Milch und andere Produkte und stabilisierte das Einkommen der Familie – ein ziemlicher Kraftakt. Irgendwann entdeckte sie das Angebot einer örtlichen, durch humedica unterstützten Hilfsorganisation, die Frauen in die Lage versetzen will, ihr Einkommen zu verbessern. Sie meldete sich an und lernte, zusammen mit anderen Frauen, nähen. „Im Anschluss an den Kurs erhielten alle Frauen außerdem eine Nähmaschine. So konnte ich schnell Kleider nähen und verkaufen“, berichtet sie. Jetzt hat sie ein weiteres Standbein, ist unabhängig von der Landwirtschaft. Und sie ist unglaublich dankbar. Denn ohne die Spenden aus Deutschland hätte sich ihr Leben – und das ihrer Familie – womöglich in eine ganz andere Richtung gewendet.
Samira vor ihrem Haus
*Namen geändert