Direkt zum Inhalt
Zerstörtes Haus in der Ukraine

Yulja erzählt

Yulia erlebte den Kriegsbeginn in der Region Kiew mit und verlor kurz darauf Familienmitglieder und Freunde. Für die Flucht mit ihrem Sohn nahm sie allen Mut zusammen.

Die Geschichte einer Familie aus der Region Kiew, die vor der Besatzung nach Berdychiv geflohen ist.

Am 24. Februar hatte ich Nachtschicht. Die ersten Explosionen hörte ich um 6 Uhr morgens. Sofort packte ich meine Sachen. Mein Sohn, Jllya, war allein zuhause. Er ist erst 9 Jahre alt. Auf dem Weg nach Hause kam ich am Bahnhof vorbei. Menschen stiegen aus Zügen aus, es herrschte Angst. Der Krieg hat begonnen. Es wurde von Tag zu Tag schlimmer. Tags wie nachts – es hat nicht mehr aufgehört, zu donnern. Am 7. März war Borodvanka vollends zerstört. Die russische Armee hatte alles bombardiert. Auch den Kindergarten. Zum Glück waren zu der Zeit keine Kinder da. Mehrere Tage sind wir im Keller geblieben, bis ich beschlossen habe, dass wir fliehen müssen. Mein Trauzeuge, der Schwiegersohn und mein Nachbar fassten zuerst ihren Mut. Im Auto fuhren sie los. Es wurde von einer Granate getroffen. Meine Schwester und meine Patin wurden Witwen. Erst wollten wir daraufhin bleiben, uns im Keller verschanzen, bis es vorbei wäre. Schlussendlich sind wir aber doch mit Freunden geflohen. Bei einem Zwischenstopp in der Nähe von Zhytomyr fiel eine Bombe 150 Meter entfernt von uns. Sie hinterließ einen Krater, in den vier Kleinbusse hineingepasst hätten. Gott sei Dank ist uns nichts passiert. Daran erinnern werden wir uns für immer. Schließlich kamen wir in Berdychiv an. Das Unbekannte war zu Anfang beängstigend: Du brichst auf und weißt nicht, was dich erwartet, wie die Leute dich behandeln werden. Nun ist es in Ordnung: Unsere Nachbarn sind gute Menschen. Sie haben mich moralisch unterstützt. Meinem Sohn haben sie Spielzeuge gegeben und ein Fahrrad gebracht. Wir haben neue Schuhe, Kleidung und einen schönen Rucksack bekommen. Es ist ruhig hier, aber es ist nicht unser Zuhause. Ich bin hier nicht die Gastgeberin. Ich möchte nach Hause.

Eine Klassenkameradin hat mir erzählt, was mit unserem Dorf passiert ist: Kaum waren wir entkommen, wurde das Dorf besetzt. Die Männer wurden gefangen genommen, ihre Handys gestohlen und sie wurden geschlagen. Es war verboten, im Dorf herumzulaufen oder gar nach draußen zu gehen. Das umliegende Dorf wurde vermint. Diejenigen, die zu evakuieren versuchten, wurden getötet: Die ersten drei Autos wurden in die Luft gesprengt, eine Frau starb im vierten und weitere wurden verletzt. Sie erschossen Hunde, stahlen Essen und Einrichtung aus den Häusern. Dann fingen sie an, alles nacheinander zu zerstören.

Nachbarn schickten mir ein Video: Das Dorf ist komplett verschwunden. Der Bezirk Borodyansky war stark betroffen. Die Russen haben einfach das Rohr des Panzers über die Straße und in die Nähe der Häuser gelenkt und alles zerstört. Es war ihnen egal, ob in diesem Moment jemand da war oder nicht. Als der Kleine davon erfuhr, war er sehr verängstigt. Früher war er ein tapferer Junge. Jetzt weint er viel. Immer wenn er ein Geräusch hört, wird er wachsam. Er bittet darum, verschont zu bleiben.